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KOLONIALE KORALLEN UND SILIZIKLASTIKA: HUND UND KATZ?

Diethard Sanders
Institut für Geologie und Paläontologie, Universität Innsbruck, Diethard.G.Sanders@uibk.ac.at

Koloniale Korallen und siliziklastische Ablagerung werden häufig als zwei einander ausschliessende Erscheinungen in Form einer "Hund-Katz' Beziehung" betrachtet. Dem widerspricht die Vielzahl fossiler Korallen-Aufbauten mit mergelig-sandiger Matrix, und die in siltig-sandige Mergelkalke bis fast reine Tonsteine eingebettet sind, darunter viele klassische Riffabfolgen bis zurück zum Silur. Koloniale Korallen als solche verschwinden beim Auftreten von Siliziklastika keineswegs sofort, noch sind sie "extrem" sensitiv auf Eintrag von Nährstoffen und siliziklastischen Schwebstoffen.

Koloniale Korallen haben mehrere Mittel, um auf erhöhte Sedimentation und Nährstoffeintrag zu reagieren, hauptsächlich (1) Änderung der Wuchsform, (2) Änderung des Skeletts einschl. der Polyparien, (3) Akklimation des Ernährungsmodus und des Metabolismus. Die Korallengemeinschaft reagiert durch Verschwinden strikt "klarwasserriff"-gebundener Formen.

Holozäne "Trübwasser-Riffe" entlang siliziklastischer Küsten können selbst starke Trübung verkraften solange Wellen und Tiden ein Aussaigern verhindern. Sedimentbedeckung von nur wenigen Stunden ist tödlich. Mittelbar tödlich sind deutliche Störungen der Synökologie, wie z.B. Verringerung der Weidegänger (führt oft zu Dominanz von Makroalgen) oder Acanthaster-Massenauftreten. Langfristig erschwert ist das Riffwachstum durch erschwerte Besiedelung durch Larven, und durch den erschwerten (Wieder-)Aufbau einer Riffgemeinschaft auf Weichsubstrat. Es scheinen mehr die indirekten, mittel- bis langfristigen Folgen der siliziklastischen Ablagerung als eine Empfindlichkeit ausgewachsener Korallen selbst zu sein, welche das Leben von Korallen in siliziklastischen Ablagerungsbereichen erschwert. In Anbetracht der vielen fossilen Korallen-Aufbauten in siliziklastischen Abfolgen aber muss es einen deutlichen Überlappungsbereich von Korallenwachstum und siliziklastischer Ablagerung geben.

Vorherrschende Gesteinstextur und Dicke eines fossilen "Riff"-Intervalles, aber auch der Kalkgehalt der Matrix und der umgebenden Gesteine sind keine ausreichenden Parameter zur Charakterisierung des ökologischen Gesamtzustandes. Korallengemeinschaften in Bereichen erhöhter Sedimentation zeigen eine Verschiebung zu charakteristischen Merkmalen (vor allem hinsichtlich Wuchsform und Polypar-Integration), die auch für Nicht-Spezialisten erkennbar sind. Diese Merkmale wurden in Experimenten und Beobachtungen an rezenten Korallen seit den 1950ern erkundet, doch in fossilen Aufbauten nur selten ausreichend beschrieben. Korallenaufbauten in siliziklastischen Abfolgen stellen nur ein scheinbares Paradoxon dar, weil die Toleranz von Korallen gegenüber siliziklastischem Eintrag unterschätzt wurde.