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Abbildung - der Stammbaum

140 Jahre Steinheimer Schnecken-Stammbaum:
der älteste fossile Stammbaum aus heutiger Sicht

von Michael W. Rasser
Naturkundemuseum Stuttgart

4. Hilgendorfs Schnecken-Stammbaum

Hilgendorf reichte seine Dissertation über die Steinheimer Schnecken im Frühling 1863 an der Universität Tübingen ein. Die Idee eines phylogenetischen Stammbaums, den er in späteren Veröffentlichungen noch weiterentwickelte und modifizierte, entstand alleine durch wiederholte horizontierte Aufsammlungen und die Interpretation der vertikalen Veränderungen. Seine unveröffentlichte Dissertation ( Hilgendorf 1863) umfasst 42 Seiten, beinhaltet aber keine Abbildungen. Anhand des Originalmaterials rekonstruierte Reif (1983a) den ursprünglichen Stammbaum von 1863, aus dem drei Grundideen Hilgendorfs hervorgehen: (1) Graduelle Transformation von einer Art in die andere, (2) Aufteilung einer Art in zwei Schwesterarten, (3) Fusion von Arten. Wie Janz (1999) jedoch ausführt, war Hilgendorf selbst nicht völlig überzeugt von der Möglichkeit einer Fusion, erwähnt er doch in der Endbemerkung seiner Dissertation, dass diese Darwins Ideen widerspräche, denn „die Zweige eines Baumes wachsen nicht wieder zusammen“ ( Hilgendorf 1863).

Die ersten Veröffentlichungen Hilgendorfs erschienen 1866 (vgl. Janz 1999: Fig. 4) und 1867 ( Hilgendorf 1867). Der darin beschriebene und abgebildete Stammbaum reflektiert die endgültige Interpretation Hilgendorfs (1867), die in der Folge dahingehend abgewandelt wurde, dass später keine Stammform mehr definiert wurde ( Hilgendorf 1879). Dieser ursprüngliche Stammbaum von 1866/67 entspricht exakt dem am Stuttgarter Museum für Naturkunde wieder entdeckten Exemplar (Abb. 1; Inventarnummer 66456). Der Ursprung des Stuttgarter Exemplars ist unklar, trotz der Ähnlichkeit gibt es keinen Grund zur Annahme, dass es sich um das Original einer Veröffentlichung Hilgendorfs handelt, da dieser vor allem in Tübingen und Berlin wirkte. Bekannt ist nur ein relevantes Zitat von Fraas (1877: 47) über die Sammlung des „Naturalien-Cabinets zu Stuttgart“; darin erwähnt er „Steinheimer Schnecken, unter denen wir auf eine Originalzusammenstellung [...] aufmerksam machen, welche Dr. Hilgendorf seiner Zeit eigenhändig zusammengestellt hat.“

In diesem Stammbaum unterscheidet Hilgendorf 20 Taxa (Abb. 2), die er 1866 als Unterarten („Varietäten“) der Art Planorbis multiformis betrachtete. Der Baum beginnt mit der Gründerform aequeumbilicatus und spaltet sich im Weiteren in mehrere Seitenzweige auf. Die rechte Linie über (2) steinheimensis zu (9) supremus wird häufig als der „Hauptzweig“ bezeichnet, der linke Ast über (14) parvus wie auch der Ast von (2) steinheimensis zu (13) pseudotenius als „Seitenzweige“. In ersterem ist besonders die Evolution der planorbiformen aequeumbilicatus in die trochiforme trochiformis und wieder zurück in die planorbiforme revertens bemerkenswert. Kurz vor der Verlandung des Steinheimer Sees kündigt sich mit der Entwicklung von revertens zu supremus neuerlich der Trend zu einem trochiformen Gehäuse an. In diesem Stammbaum kommt die Fusion von Arten, wie sie in seiner Dissertation noch anklingt (vgl. Reif, 1983a), nicht mehr vor.

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Text, Fotos und html von Michael W. Rasser
z.T. publiziert in Geologica et Palaeontologica 40